2019
Ad Mensam

„Nachdem die Serviette aufgeklappt, das Menü studiert und die Auswahl getroffen wurde, was gibt es da anderes zu tun, als miteinander zureden? Der Test für ein gutes Essen ist die Unterhaltung rund um den Tisch und die Art und Weise, wie sie in der Hitze der Gespräche und Debatten zunimmt. “

Aus „Der Tisch kommt zuerst“ von Adam Gopnik

 

Ad Mensam *erforscht den Tisch als Rahmen für menschliche Interaktion, ein Ort, an dem wir zusammenkommen, Essen teilen, uns unterhalten, streiten und uns wieder versöhnen.Angeblich treffen wir uns am Tisch zum Essen, aber eigentlich infolge des von innen heraus entstehenden Bedürfnisses, das jeder von uns hat, sich einer Gruppe anzuschließen und sich als Teil eines größeren Ganzen zu fühlen. Die Nahrung, die wir am Tisch einnehmen, ist die tägliche Kost, die wir für unseren Körper brauchen, aber gleichzeitig ist es auch eine Ausrede, um ein Umfeld fürKommunikation zu schaffen. Eine alltägliche Routine kann in die höchste Form des Feierns umgewandelt werden – wir feiern also immer dann, wenn das Leben dramatisch wird, wie bei Hochzeiten, Geburtstagen und Begräbnissen. So heben wir den Lauf der Zeit hervor, um die Tage und die Jahre voneinander zu unterscheiden.

Der Tisch, sei es der informelle in der Küche oder der schöne im Speisesaal, wurde im Laufe der Zeit zum Repräsentationsobjekt der ganzen Familie, wie es kein anderes Möbelstücke schaffte. Er stellt in symbolischer Form die Feuerstelle des Hauses dar: dasFeuer, um das sich Menschen treffen. Als Objekt hat der Tisch eine physische Präsenz, die ihn zu einer stabilen Referenz, einem Ankerpunkt, macht. Im Gegensatz sind die Gegenstände, die den Tisch dekorieren, vergänglich, oft flüchtig und verändern sich ständig. Ihre Rolle liegt darin, Gesprächsstoff zu initiieren und ihreBedeutung in der Tatsache, dass sie Rituale ermöglichen: die Art wie wir andere bedienen, das Salz reichen, einen Löffel halten ...

In allen Kulturen und auf unterschiedlichster Weise hat der Mensch die Handlung des Essens in einen ritualisierten Akt umgewandelt: das Mahl. Das Mahl ist eine organisierte Routine, bei der die teilnehmenden Personen bereit sind, sich in einer befürworteten Weise zu verhalten, bestimmte Hilfsmittel zu verwenden und konkrete Regeln zu befolgen, welche den Austausch zwischen den Menschen erleichtern und uns ein dringend benötigtes Zusammengehörigkeitsgefühl vermitteln. Gemeinsames Essen hilft Menschen, ihre Unterschiede zu überwinden.Brot zu brechen und es zu teilen, ist das Fundament von Freundschaft. Freunde und Familien, die Lebensmittel teilen, bekennen sich implizit dazu, dass sie auch dieselben Meinungen, Moralvorstellungen oder Werte teilen – oder, dass sie zumindest bereit sind, darüber zu diskutieren. Aber lassen Sie sich nicht täuschen, der Tisch ist keineswegs immer ein friedlicher Ort: Die meisten Streitigkeiten im Haushalt finden am Tisch statt, und Forscher können die Dynamik vonFamilienbeziehungen beteuern. Doch selbst wenn gemeinsames Speisen anstrengend und lästig ist, wird Kommensalismus, also das Essen gemeinsam an einem Tisch einzunehmen, mit einem Hauch von Nostalgie, noch immer als ideales Essensritual angesehen.

 Vielleicht, weil diese Idee so in uns verwurzelt ist, dass wir es wohlwollend akzeptieren, dass der Tisch der Ort ist, an dem wir Gäste begrüßen, egal ob sie Freunde oderFremde sind. Die homerischen Griechen, die besessen davon waren, Essen zuteilen, pflegten einen Reisenden – um nicht die Götter zu beleidigen – zuerst zum Essen und Trinken einzuladen, bevor sie ihn nach seinen Namen und seinerHerkunft fragten. Auf die gleicher Weise feierte Jesus mit Zöllnern,Steuereintreibenden und Prostituierten sowie Sündern aller Art. Es ist untrennbar mit unserer Idee des Humanismus verbunden, symbolisch und wortwörtlichPlatz am Tisch zu schaffen, um jeden in das Gespräch miteinzubeziehen.

 In einer Welt, in der eine Welle des Nationalismus darauf abzielt, jegliche Gespräche einzustellen, sollte der Ansatz, am Tisch Platz zu schaffen, zu einer Metapher für einen offenen Dialog werden. Wir alle sollten den Tisch als einen einladenden und einbindenden Ort sehen. Einundzwanzig Designerinnen und Designer stellten sich der Herausforderung und verarbeiteten ihre eigeneInterpretation dessen, was es für sie bedeutet, an einem Tisch zu sitzen. Der enorme Umfang des Themas inkludiert, dass wir nur an der Oberfläche zu kratzen begonnen haben, aber die Oberfläche des Tisches ist ein guter Ort, um mit demKratzen zu beginnen.

 

* aus dem Lateinischen, bedeutet amTisch

Participants
Katie Scott und J&L Lobmeyr, Katie Stout und Augarten, Os&Oos, Nel Verbeke Commonplace und Logicdata, Arabeschi di Latte, Ferréol Babin, Dean Brown, Crafting Plastics, Alexandra Fruhstorfer, Laurids Gallée, Alexandre Humbert, Kneissl + Prade, Carolien Niebling, Optimismus, Omer Polak, Sara Ricciardi, Studio Plastique, Studio Quetzal, James Shaw, David Tavcar
Ad Mensam
Studio Quetzal
Sara Ricciardi
Alexandre Humbert
Commonplace
Crafting Plastics
David Tavcar
Dean Brown
Optimismus
David Tavcar
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